Auf der Jagd nach den Perlen des Napa Valley – ein Sommelier berichtet

erstellt am: 17.12.2019 | von: Kevin Kleu | Kategorie(n): Allgemein

Bereits um kurz nach 5 in der Früh klingelt der Wecker. Er reißt mich jäh aus dem Schlaf, doch ich bin sofort hellwach und elektrisiert. Die letzten Tage hatte ich in der pulsierenden Weinmetropole San Francsico verbracht und nun geht es endlich los nach Napa. Der Morgen ist kühl, doch die Heizung in meinem Ford Focus, der mir neben einigen der hiesigen Autos erschreckend klein vorkommt, wirkt gut und zügig – und so beginne ich den Weg queer durch San Francisco in Richtung Golden Gate Bridge. Einen kleinen touristischen Stopp habe ich noch eingeplant vor den großen Weinabenteuern. Also verlasse ich den Highway und steure auf eine kleine Straße, die sich in Serpentinen bergaufwärts schlängelt. Über die Motorhaube wabern Nebelschwaden, die mit jeder Kurve dichter werden, bis ich schließlich den Parkplatz des Aussichtspunkts erreiche, noch einen strammen Marsch einen schmalen Weg hinauf und ich erreiche das Ende einer Klippe. Es ist 07:06 Uhr in 9 Minuten sollte die Sonne aufgehen, die dann Golden Gate Bridge und Skyline von San Francisco in ein weiches Gold taucht. Sollte… ja sollte. Die Stadt ist von einer unfassbar dichten Nebelwand umschlossen, die sich minütlich weiter voran schiebt, das Land wie das Meer in sich verschlingt und sich samtartig um alles schmiegt. Pünktlich zum Sonnenaufgang hat sich die Wand aus Nebel auch die letzten Reste der Golden Gate Bridge einverleibt und ich schaue auf eine graue Wand hinaus. Ein eisiger Wind und Temperaturen nahe der 32° Fahrenheit laden nicht wirklich zum Verweilen ein, und so schaffe ich es doch recht zügig, mich von der Kulisse zu lösen. 

Sicher fragen Sie sich nun, warum ich Sie so freimütig an den Details meines unverschuldeten „touristischen Vollversagens“ teilhaben lasse? Es sind eben genau diese zwei Phänomene Nebel und Wind, die neben der viel besungenen kalifornischen Sonne und der vielfältigen Bodenformationen die Weine prägen. Meine weitere Reise ins Napa Valley gleicht dann auch einem ständigen Katz- und Maus-Spiel mit dem Nebel. Glaube ich kurz, ihm entkommen zu sein, erwartet er mich hinter der nächsten Kurve. Downtown Napa hüllt er in ein gespenstisches Gewand, vor dem ich mich in das süße Café der Napa Valley Coffee Roasting Company fliehe. Hier gibt es einen nicht nur für amerikanische Verhältnisse wirklich guten Kaffee, auf Wunsch sogar altmodisch in umweltfreundlichen Tassen aus nicht recyclter Keramik statt aus zu 70 % recyceltem Einheits-To-Go-Kaffebechern auf der anderen Straßenseite. 

Gestärkt geht es los mit Vollgas aus dem Nebel. Es ist nur eine Fahrt von 5 Minuten und dennoch gefühlt eine vollkommen andere Welt. Die Sonne steht hoch am blauen Himmel und strahlt über die Basaltfelsen des Stag’s Leap District. So kann ich kurz die wärmende Sonne genießen und darüber sinnieren, wie drastisch doch die Unterschiede in den Mikroklimata der einzelnen Districts ausfallen, dann geht es auch schon wieder ein Stück weiter.  Nach einem Semilegal-U-Turn auf dem bekannten Silverado Trail, an den sich etliche namenhafte Weingüter wie an einer Perlenkette aufreihen, fahre ich diesen entlang stets parallel zum Napa River. Nach kurzer Fahrt biege ich rechts ab, um meinen ersten Verkostungsstopp zu erreichen: Hyde de Villaine. 

Hier soll sich also eins dieser weltberühmten Weingüter befinden frage ich mich und beginne schon innerlich mein Handy ob der schlechten Navigation zu verfluchen. Wo ist denn hier ein imposanter Protzbau? Riesige Maschinen, hunderte Erntehelfer, optische Sortiermaschinen und gewaltige Pressen? Wo ist denn hier zum Teufel ein amerikanisches Weingut? Ein bescheidenes, hallenartiges Gebäude weist sich mit einem Logo an der Türe als HdV Wines aus. Am Eingang eines Rolltores lehnt James Eyer. Er erkennt meinen verwirrten Blick und weiß ihn höchst unamerikansisch sofort richtig zu deuten: „Mutch smaller than you expected? Isn’t it?“. Er erzählt mir, man wolle noch etwas anbauen, um die Arbeitsabläufe zu erleichtern; man sei nun auch schon seit einigen Jahren in der Planung aber „building permits in Napa“, ich wüsste da ja sicher Bescheid. Weiß ich natürlich nicht, aber ich lächele wissend und betrete die Halle. Aus etwa 6 Meter Höhe ruft mir ein gut gelaunter kleiner Mann mit breitem Lächeln ein freundliches „Hello“ entgegen. Es ist Emilio aus Argentinien er hat den argentinischen Winter genutzt, um Erfahrungen in einem der Topweingüter der USA zu sammeln, lässt er mich später begeistert wissen. Er steht auf der etwa fünften Fass-Reihe und füllt einen Mix aus neuen und alten Fässern verschiedener Spitzen-Cuvelleries Frankreichs. Weiter hinten im Raum verkostet Guillaume Boudet einige noch gärende Moste. Man merkt dem jungen Mann mit dem liebenswerten französischen Akzent seine Begeisterung für das einmalige Terroir und seine Leidenschaft für seinen Beruf jeder Silbe, die er spricht, an. Ebenso spürt man auch seinen Wunsch, sich vor dem großen Aubert de Villaine zu beweisen als auch von seinem Wissen zu profitieren. „Aubert kommt jedes Jahr aus Frankreich zu Besuch“, berichtet Guillaume stolz. Dann werden die Fässer zusammen verkostet. Aus den Lieblingsfässern Auberts wird in limitierter Kleinstauflage der Spitzen-Chardonnay Comandante komponiert. Deutsche Kunden müssen sich noch einige Monate auf diesen Spitzenwein gedulden, wenngleich einige wenige Glückliche einen Vorgeschmack anlässlich James Eyers Besuchs bekamen.

Meine Verkostungseindrücke darf ich Ihnen im Folgenden schildern:

2011 HdV Chardonnay

Der Wein ist mir ja nun schon seit einiger Zeit vertraut und ich muss gestehen, gerade der Jahrgang 2011 ist mir sehr ans Herz gewachsen. Der Wein verströmt den noblen Duft von Orangenschale, frischer Zitrone, etwas reife Birne, Hefe und hintenraus kitzelt der vertraut salzige Duft des Pazifiks, den mir eisiger Wind nur wenige Stunden zuvor ins Gesicht peitschte. Am Gaumen setzt sich der Eindruck fort, eine Frische von Zitrone und grünem Apfel verbindet sich mit einer herrlich salinen Mineralität im Abgang.

2016 HdV Chardonnay

Der Wein ist noch sehr jung, fast schüchtern. Verstohlen wie ein Kind, das hinter den Eltern hervorlugt, weht ein wenig Grüner Apfel und der Duft von Weißdorn aus dem Glas in die Nase. Auch hier schwingt der salzige Unterton des Pazifiks mit. Am Gaumen ist der Wein sehr präzise, wie ein Laser zieht die Säure durch den Mund. Hier ist viel Potential drin, viel Frische, ein wirklich rasanter Wein, der noch nicht ganz aufgeblüht ist.

2017 HdV Comandante

Den Lieblingsfässern von Aubert de Villaine  ist das besondere Privileg vorbehalten, zu diesem Wein zu werden.  Der Wein ist noch ganz jung, aber schon in seinem jugendlichen Stadium extrem fokussiert: Grüner Apfel, Zitronen, Salz, Hefe, Weißdorn geküsst von noblem Holz, das sich mit weichem Vanille Duft einbringt, am Gaumen mit Kraft, Würze einem absolut begeisternden, langen Finish mit saliner Komponente. Wer den kaufen darf, freut sich. Eine Flasche wird aber auch in meinen Keller wandern, denn ich will diese Rarität nach einigen Jahren Reifung erleben.

2017 HdV Ygnacia

Eine sehr noble Nase. Kirsche, Himbeere vielleicht ein Hauch von Cola-Nuss und eine vegetabile Würze. Noch enorm jung, aber dennoch mit einer reichhaltigen, satten Frucht, die aber, bevor sie in etwas zu Vordergründiges gar Plumpes abdriften könnte, von Säure und der Würze eines intelligenten Fassmanagements gefangen wird. Die Säure lässt den Wein fast tänzerisch durch den Mundraum schweben und belebt den ohnehin frischen Abgang zusätzlich. Ein wirklich großer Pinot Noir, der die reife Frucht Kaliforniens mit dem Fingerspitzengefühl französischen Winemakings verbindet.

2015 Syrah

Hübsch, sexy… zunächst sehr würzig, pfeffrig, erinnert ein wenig an die nördliche Rhône. Dann kommt schwarze Kirsche und Brombeere ins Spiel bevor sich langsam das Holzfass mit etwas Nelke zu Wort meldet, am Gaumen zunächst saftige schwarze Kirsche. Der Wein wirkt äußerst tief und vielschichtig. Ein ausgeprägtes, wenngleich sehr feines Tannin verleiht dem Wein den nötigen Biss.

2015 Belle Cousine

In 2015 mit einem merklich höheren Cabernet Anteil (ca. 40 %). Der höhere Anteil bringt eine straffe Würze und macht alles etwas kühler, während der Merlot mit reichhaltigem Duft von dunkleren Beeren, Pflaumen ins Glas zieht. Im Mund sehr weich, reichhaltig, mit üppiger, beinahe fetter Frucht, dann kommt plötzlich ein kühler Zug, wieder dieser leicht salzige Eindruck und etwas strafferes Tannin zähmen urplötzlich die Frucht.

Der Hyde Vineyard

Nach dem Tasting geht es also mit James Auto in Richtung des legendären Hyde Vineyards. James führt mich stolz durch die Reihen von Chardonnay, die Larry in den 1970er Jahren angelegt hat. Es handelt sich um die sogenannte Old Wente Selektion. Der Ursprung dieser Selektion liegt in burgundischen Chardonnay-Stecklingen, die im Jahr 1912 an die berühmte Weinbau Universität UC Davis kamen. Heute machen die perfekt akklimatisierten Klone bzw. dessen Abkömmling etwa 80 % des Chardonnay Bestands aus. Eine weitere wichtige Selektion liegt nur einige Blocks höher im Hyde Vineyard. Die sogenannte Calera Selektion bringt Frische in die Cuvée. Aromen von grünem Apfel, Birne und weißen Blüten sind ihre typischen Merkmale.

Noch ein Stück höher gelegen, vorbei an einem kleinen Speichersee, findet sich eine neu angepflanzte Pinot Parzelle. Von diesen Parzellen verspricht sich das Team von Hyde & de Villaine in den nächsten Jahren einiges, handelt es sich bei der Anpflanzung doch um einen Mix der 6 besten Klone, die Larry Hyde im Laufe seiner Weinbaukarriere selektionierte. Das große Potential dieser Klone stellt der HdV Ygnacia eindrucksvoll unter Beweis.


Ebenso eindrucksvoll ist die Aussicht über die Weinberge von hier oben. Die Sonne steht hoch oben am Horizont und strahlt auch im Herbst noch mit einer beträchtlichen Intensität. „An Tagen ohne Nebel kann man von hier aus San Francisco sehen“, lässt James mich wissen, lacht und schiebt hinterher „ich bin in Napa aufgewachsen, aber ich kann mich an nicht allzu viele Tage ohne Nebel erinnern“ und lacht nochmal herzlich auf.  Sie merken der Nebel verfolgt mich. Von hier oben sieht man dann auch recht gut die Lücke in der Bergkette, das sogenannte Pentaluma Gap, durch die der Nebel wie von einem Staubsauger ins Tal gesaugt wird und so Kühle und Sonnenschutz in die Weinberge bringt. Getragen wird der Nebel durch eine leichte, kühle Brise, die den salzigen Geschmack des Meeres auf den Lippen zurücklässt, der auch die Weine des Hyde Vineyards prägt. Noch einen kurzen Moment verweilen wir hier oben. Ich sauge die Landschaft und die Eindrücke auf und sinniere noch einmal über Terroir, über den Wind und den Nebel, über Fossilien von Meerestieren im Boden und auch den Einfluss Mensch, bevor wir aufbrechen, um zur nächsten Verkostung zu gelangen.